Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen

Die Vorstellung, dass wir nicht nur ein Ich, sondern viele Ichs in uns tragen, reicht in der Menschheitsgeschichte sehr weit zurück und hat auch in unserer Alltagssprache einen festen Platz. Wir verstehen, was der andere meint, wenn er sagt, dass er zwei Seelen in seiner Brust hat, dass ein Teil in ihm zustimmt, ein anderer aber strikt dagegen ist, oder dass er gar nicht weiß, was in ihn gefahren ist.

Diese verschiedenen Anteile in uns können wir auch als Muster verstehen, die sich aufgrund von bestimmten Bedingungen ausgebildet haben, um unser System zu unterstützen. Wenn wir beispielsweise in einer Familie aufgewachsen sind, in der wir mit Liebesentzug bestraft wurden, wenn wir wütend waren und Kritik übten, haben wir vielleicht einen Teil entwickelt, der Verständnis für alle Standpunkte aufbringen kann, der immer das positive in anderen Menschen sieht, der ein sanftes Gemüt hat, immer lieb und freundlich ist und sich an die Meinungen der anderen anpasst. Ein anderer Teil wurde aber verbannt, nämlich der Anteil, der denkt, dass etwas nicht richtig ist, der wütend ist und seine Kritik laut äußern möchte. Und dann gibt es da vielleicht noch einen Anteil, der diesen wütigen Anteil bewacht, damit er ganz sicher nicht aus der Verbannung entlassen wird und dadurch das System gefährdet. Dieser Bewacher könnte in Konfliktsituationen mit Angst reagieren und dann für totalen Rückzug plädieren.
In dem erdachten Familiensystem sind diese Anteile hilfreich, um gut über die Runden zu kommen.

Im Laufe unseres Lebens werden wir aber immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert und sind daher auch immer wieder herausgefordert, unsere inneren Anteile auf dem Laufenden zu halten und sie dabei zu unterstützen, sich zu entwickeln. Im obigen Beispiel wäre es beispielsweise vorstellbar, dass wir eine eigene Familie gegründet haben, in der wir offen miteinander sein wollen, in der es erlaubt sein soll, Kritik zu üben und Konflikte miteinander zu haben. Aber unser verbannter Anteil und sein Bewacher haben das nicht wirklich mitbekommen. Und so verhalten wir uns immer noch so wie damals. Andere Anteile haben sich entwickelt oder sind neu hinzugekommen. So haben wir im Laufe der Zeit vielleicht Kinder bekommen und einen starken mütterlichen Anteil in uns entwickelt, den es vorher in dieser Form nicht gab. Wenn wir uns das bewusst machen, bekommen wir vielleicht eine Vorstellung davon, wie viele solche innere Anteile wir in uns tragen und wie unterschiedlich diese (entwickelt) sein können. Und vielleicht können wir dann auch erahnen, dass manche dieser Anteile sich gut verstehen und Allianzen miteinander ausbilden und andere Anteile sich überhaupt nicht einig sind und hartnäckige Konflikte zwischen Anteilen entstehen können. Und es kommt auch vor, dass Anteile sich überhaupt nicht kennen.

Je nach Situation, in der wir uns befinden, werden diese verschiedenen Anteile sozusagen „geweckt“ und kommen in den Vordergrund. Normalerweise läuft das automatisch und völlig unbewusst ab. Wenn ich von meiner Arbeit als Therapeutin nach Hause gehe, das Haus betrete und eines meiner Kinder mich begrüßt, tritt augenblicklich die Therapeutin in mir zur Seite und ein mütterlicher Anteil übernimmt. Und später, wenn die Kinder im Bett sind, betritt vielleicht meine Genießerin mein inneres Wohnzimmer und sorgt dafür, dass ich mir ein Stück Schokolade aus dem Schrank hole.

Manchmal läuft dieser „Tanz der Anteile“ nicht so reibungslos ab und auch dadurch kann Verwirrung entstehen. Wenn die Therapeutin nicht zur Seite treten würde, und ich meine Tochter plötzlich wie eine Patientin behandeln würde? Oder die Genießerin mit einer strengen Kontrolleurin in einen Konflikt um die Schokolade gerät? Oder ich mich später, nachdem ich vielleicht eine etwas unfreundliche Email von meinem Chef gelesen habe, plötzlich ganz klein und überfordert fühle und darüber nachgrüble, wie ich mich bei ihm entschuldigen könnte. Vielleicht hat ein Kindanteil das Kommando in mir übernommen und will jetzt dafür sorgen, dass mein Chef wieder „lieb“ mit mir ist. Im Nachhinein wundere ich mich dann und verstehe nicht, was mit mir los war.

Ja, was dann? Sind wir diesem Treiben einfach ausgeliefert? Nein, das sind wir glücklicherweise nicht! Unser inneres System gleicht einem Orchester. Damit unsere Musik gut klingt, braucht das Orchester einen Dirigenten. Ohne Dirigent wird es für das Orchester schwer, harmonisch zu spielen. Vielleicht würden die Musiker streiten, jeder will sich in den Vordergrund spielen, es entstehen Allianzen und Feindschaften, manche Musiker wollen andere aus dem Orchester werfen. Und umgekehrt braucht der Dirigent ein Orchester, alleine wäre er nicht fähig Musik zu spielen.

In der Arbeit mit den inneren Anteilen geht es darum, wieder Zugang zu dem Dirigenten in uns zu finden. Zugang zu unserer inneren Mitte, zu unserem Selbst. Ruhen wir in unserer Mitte, empfinden wir Gelassenheit, Frieden, Mitgefühl und Liebe. Wir sind frei von Stress und Angst. Wir nehmen einfach wahr und hüllen unsere Erfahrungen in ein liebevolles warmes Licht. Es macht große Freude, diesen Ort in uns zu bewohnen. Von hier aus können wir all unsere Anteile und ihr Treiben beobachten, wir können sie kennenlernen. Wir können ihnen geben, was sie brauchen und sie in ihrer Entwicklung unterstützen. So kann sich unser ganzes System beruhigen und harmonischer werden. Es ist sehr heilsam zu erfahren, dass diese Anteile entlastet werden können, wenn wir Verantwortung übernehmen und der Dirigent in uns die Führung übernimmt.

Der aufmerksame Lesende wird bemerkt haben, dass es im Kern auch hier um nichts anderes als um Achtsamkeit geht, um die Entwicklung dieses liebevollen Bewusstseins, das harmonisierend und heilsam wirkt. Wir können unsere Persönlichkeitsanteile mit diesem Licht versorgen und sie werden es in die Welt tragen.